Arbeiten die Deutschen zu wenig?
Kein Wirtschaftswachstum mit Vier-Tage-Woche, Lifestyle-Teilzeit und Work-Life-Balance?
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Auf dem CDU-Wirtschaftstag erklärte Bundeskanzler Friedrich Merz: “Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können.” Auch in seiner ersten Regierungserklärung betonte er: “Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten.”1
Wenn die Deutschen tatsächlich mehr arbeiten sollen, muss zunächst sichergestellt sein, dass dieses zusätzliche Arbeitsangebot auf dem Arbeitsmarkt überhaupt nachgefragt wird. Selbst wenn man die vermeintlichen “Lifestyle-Teilzeitstellen” in Vollzeitstellen umwandeln würde, stellt sich die Frage, ob Arbeitgeber überhaupt einen entsprechenden Bedarf hätten. Würden sie tatsächlich zusätzliche Vollzeitstellen schaffen und besetzen, oder fehlte es dafür an ausreichender Nachfrage?
Im Jahr 2025 wurden in Deutschland 1,2 Milliarden Überstunden geleistet, von denen knapp 60 Prozent unbezahlt blieben. Dieses Überstundenvolumen entspricht der Arbeitsleistung von mehr als 600.000 Vollzeitbeschäftigten – und das unter der unrealistischen Annahme, dass diese niemals krank werden.
Die von den 16,9 Millionen Teilzeitbeschäftigten im Jahr 2025 geleisteten Arbeitsstunden beliefen sich auf rund 13,2 Milliarden. Wären diese Personen stattdessen in Vollzeit beschäftigt gewesen, hätte ihr Arbeitsvolumen bei etwa 32,1 Milliarden Stunden gelegen. Daraus ergibt sich ein theoretisch nicht ausgeschöpftes Arbeitskräftepotenzial von 18,9 Milliarden Arbeitsstunden.
Bei einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 38,19 Stunden und 249,09 Arbeitstagen im Jahr 2025 entspricht dies rechnerisch rund 9,9 Millionen Vollzeitstellen. Anders ausgedrückt: Weil 16,9 Millionen Erwerbstätige in Teilzeit statt in Vollzeit arbeiteten, wurden lediglich 13,2 Milliarden statt der theoretisch möglichen 32,1 Milliarden Arbeitsstunden erbracht. Das potenzielle Arbeitsangebot wäre somit um 18,9 Milliarden Stunden beziehungsweise umgerechnet 9,9 Millionen Vollzeitstellen höher ausgefallen.
Ein Blick auf die Nachfrageseite des Arbeitsmarktes verdeutlicht jedoch die Fragwürdigkeit der Forderung des Bundeskanzlers nach mehr Arbeit und weniger “Lifestyle-Teilzeit”. Dem theoretisch zusätzlichen Arbeitsangebot von 9,9 Millionen Vollzeitstellen standen im Jahr 2025 lediglich rund 1,1 Millionen offene Stellen gegenüber.
Das hier verwendete Rechenbeispiel ist selbstverständlich rein theoretischer Natur und bildet die Realität des Arbeitsmarktes allenfalls näherungsweise ab. So bleibt beispielsweise unberücksichtigt, in welchen Regionen die zusätzlichen Arbeitsplätze entstehen würden und inwieweit deren räumliche Verteilung zum jeweils lokal verfügbaren Arbeitskräfteangebot passt. Ebenso wird unterstellt, dass die Qualifikationsanforderungen der neu geschaffenen Arbeitsplätze den Kompetenzen der potenziellen Arbeitnehmer entsprechen. Hinzu kommt, dass sich 16,9 Millionen Teilzeitstellen in der Praxis keineswegs ohne Weiteres in Vollzeitstellen umwandeln lassen.
Hinzu kommt, dass Teilzeitbeschäftigung in erheblichem Umfang von Frauen ausgeübt wird, die nach wie vor den größten Teil der Kinderbetreuung und Erziehungsarbeit übernehmen. Aber auch bei Männern in Teilzeit ist kaum anzunehmen, dass die Entscheidung zugunsten einer Teilzeitbeschäftigung überwiegend auf einer Präferenz für eine sogenannte “Lifestyle-Teilzeit” beruht. Wesentlich plausibler ist, dass familiäre Verpflichtungen oder andere Betreuungsaufgaben maßgeblich zur Entscheidung für eine Teilzeitbeschäftigung beitragen.
Selbst wenn es gesellschaftlich gewünscht wäre, dass beide Elternteile einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen, müssten dafür zunächst die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen werden. Dazu gehören insbesondere eine flächendeckende, qualitativ hochwertige und bezahlbare Kinderbetreuung sowie eine familienfreundliche Infrastruktur. Kürzungen beim Elterngeld und ausbleibende öffentliche Investitionen infolge des dogmatischen Festhaltens an der Schuldenbremse werden die bestehenden Probleme hingegen kaum lösen.