Der drohende Rentenkollaps
Demografie und Mathematik. Die richtigen Zahlen gegen die falsche Erzählung.
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Friedrich Merz hat seine Forderung nach tiefgreifenden Einschnitten beim Sozialstaat erneut bekräftigt. “Wir können uns dieses System, das wir heute so haben, einfach nicht mehr leisten”, sagte der Bundeskanzler auf dem CDU-Landesparteitag in Bonn. Es werde “schmerzhafte Entscheidungen”, in der Kranken-, Pflege und Rentenversicherung geben, sagte der Bundeskanzler. Mehr Eigenverantwortung und Anreize für Arbeiten im Alter seien notwendig. 1
Auf dem Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) nannte Friedrich Merz die Rentenreform das “härteste Brett”. Die Notwendigkeit einer Reform sei jedoch, so Merz, weder Ausdruck von “Bösartigkeit seinerseits noch der Bundesregierung”, sondern das Ergebnis von “Demografie und Mathematik”. 2
Der Bundeskanzler erhebt damit den Anspruch, seine Reformen ergäben sich zwingend aus Demografie und Mathematik. Tatsächlich zeichnen Demografie und Mathematik jedoch ein anderes Bild.
Demographie
Während 1991, nach der Wiedervereinigung, noch 2,7 Erwerbstätige auf einen Rentner kamen, waren es 2025 nur noch 2,1 Beitragszahler, die einen Rentner finanzierten. Dieser Rückgang vollzog sich jedoch über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren, also über eine ganze Generation, was zunächst einmal die Vorstellung eines bevorstehenden Zusammenbruchs des Rentensystems relativiert.
Der demografische Wandel vollzog sich zudem nicht in einer wirtschaftlichen Stagnation, sondern parallel zu einem anhaltenden Wirtschafts- und Produktivitätswachstum. Zwar kamen 2025 nur noch 2,1 Erwerbstätige auf einen Rentner statt 2,7 im Jahr 1991. Gleichzeitig erwirtschaftete jeder Erwerbstätige jedoch deutlich mehr als drei Jahrzehnte zuvor.
Mathematik
Seit Anfang der 1980er Jahre hat sich die Wertschöpfung pro Kopf nahezu verdoppelt. Von diesem Wachstum kam bei den Beschäftigten jedoch nur ein Teil an: Die Bruttolöhne stiegen lediglich um etwa ein Viertel. Noch geringer fiel der Zugewinn bei den Rentnerinnen und Rentnern aus, deren Kaufkraft nahezu auf dem Niveau der späten 1980er Jahre verharrt. Während sich Wirtschaftsleistung, Bruttolöhne und Standardrente bis Mitte der 1980er Jahre weitestgehend parallel entwickelten, haben sich deren Verläufe zunehmend voneinander entkoppelt.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch ein Blick auf die Ausgaben der gesetzlichen Rentenversicherung. Dabei zeigt sich, dass der Anteil des Bruttoinlandsprodukts, der für die gesetzliche Rentenversicherung aufgewendet wird, von 10% im Jahr 1991 auf 12% im Jahr 2024 gestiegen ist. Dieser Anstieg um lediglich zwei Prozentpunkte innerhalb von mehr als drei Jahrzehnten kann kaum als dramatisch bezeichnet werden.
Fazit
Sowohl der Anstieg der Rentenversicherungskosten als Anteil am Bruttoinlandsprodukt als auch die Entwicklung des Rentenquotienten über mehr als drei Jahrzehnte lassen keinen Schluss auf einen plötzlich bevorstehenden Zusammenbruch des Rentensystems zu. Obwohl sich die Wertschöpfung pro Kopf nahezu verdoppelt hat, entspricht die Kaufkraft der heutigen Renten weiterhin etwa dem Niveau der 1980er Jahre. Damit stellt sich die Frage, wo die Wohlstandsgewinne geblieben sind, wenn sie sich weder in den Löhnen noch in den Renten niederschlagen. Eine unbequeme Frage, die man klären sollte, bevor man einen Kahlschlag am Sozialstaat als notwendig erklärt.